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„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und
lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“
So schreibt es Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien (5,1).
Ich bin frei.
Was bedeutet Ihnen dieser Satz? Ich, Roswitha Schiling, kann gehen wohin ich will, ich kann tun, was mir gefällt, ich kann mein eigenes Geld verdienen. Hätte ich vor 69 Jahren diesen Artikel geschrieben, hätte ich das so nicht schreiben können, denn damals durfte ich als Frau nicht einfach so arbeiten und eigenes Geld verdienen. Diese Freiheit war damals noch eingeschränkt. Ich hätte meinen Ehemann um Erlaubnis bitten müssen. Vor 109 Jahren hätte ich noch zu keiner Wahl gehen dürfen. Vor 50 Jahren hätte ich eine Schwangerschaft nicht beenden dürfen, nicht mal, wenn mein Leben davon abhinge. Das kann ich so alles nur schreiben, weil ich eine Frau bin. Meinem Mann hätten diese Einschnitte in seine Freiheit auch vor 50, 70, 100 Jahren nicht gegolten. Ich bin frei sind also keine allgemeingütigen Worte. Ihre Bedeutung hängt davon ab, wer sie ausspricht. Und wann sie ausgesprochen werden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in dieser Zeit geboren wurde. Dass ich wirklich frei sein darf. Aber ich weiß auch, dass das ein Privileg ist, das nicht jeder Mensch, der heute lebt, genauso haben kann. Denn nicht nur das Gesetz
bestimmt, ob jemand seine Freiheit ungehindert ausleben darf, sondern auch die Menschen um einen herum.
Denn auch wenn es (erst!) seit neun Jahren erlaubt ist, dass auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten, ziehen es viele von diesen Ehepaaren vor, in der Öffentlichkeit ihre Liebe nicht zur Schau zu stellen. Kein Abschiedskuss an der Haustür, kein Händchenhalten beim Spazierengehen. Weil das immer noch mindestens argwöhnische Blicke, schlimmstenfalls Gewalttaten nach sich
zieht. Das gleiche gilt für Menschen mit Behinderungen. Menschen, die eine andere Hautfarbe haben. Menschen, die ihren Glauben anders leben. Anders als ich. Aber wer bin ich, dass ich mich als Maßstab setze? Also noch nicht mal 2026 und noch nicht mal im aufgeklärten zentralen Europa kann wirklich jeder Mensch von sich behaupten: Ich bin frei.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Und wahre Freiheit, so erklärt Paulus in seinem Brief weiter, wahre Freiheit wird durch die Liebe definiert. Gott zu lieben und seinen Nächsten, wie sich selbst -das garantiert Freiheit und Sicherheit für jeden Menschen. Denn Jesus selbst hat uns gezeigt, dass mein Nächster nicht nur derjenige ist, der so ist wie ich. Frauen, Menschen mit Behinderungen, Menschen aus anderen Ländern mit anderen Sprachen und anderen Sitten – sie alle hat Jesus gleich behandelt, denn Gott hat den Menschen nach seinem Abbild geschaffen. Jeden Menschen. Sogar uns Weiße – und das obwohl sein eigener Sohn im Nahen Osten geboren wurde und eine andere Hautfarbe hatte als ich. Wir Europäer, wir waren die Heiden, denen Paulus diesen Glauben, diese Freiheit erst nahebringen musste. Wir waren die, die anders waren. Und damals gab es laute Stimmen, die dagegen waren. Die sagten, wir seien zu anders. Die sagten, Heiden müssten zuerst mal richtig glauben lernen, bevor sie zu Christen werden können. Und eine Beschneidung sollte der Beweis dafür sein.
Aber Paulus sah das anders. Er war sich sicher „zuerst mal richtig glauben lernen“ wäre ein Rückschritt. Denn bevor Jesus das Evangelium verkündet hat, da war der Glaube an Gott an viele Gesetze gebunden. Und es war klar: Wer dagegen verstößt, der glaubt nicht richtig. Der wird verdammt. Zumindest hat Paulus das so verstanden. Aber Christus brachte die bedingungslose Erlösung – unabhängig von Fehlern und Sünden, sagte er. Also lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft anlegen! Denn wer sich dem Gesetz unterwirft und meint: Wenn ich mich nur daran halte, dann bin ich mir der Gnade sicher, der meint Gewissheit zu haben. Aber wer das meint, der denkt auch, wer scheitert, hat die Gnade verloren. Und kann sie dabei so leicht selbst verlieren – denn Menschen machen nun mal Fehler.
Aber wer sein Leben an der Liebe ausrichtet, der ist und bleibt erlöst und frei – ob mit oder ohne Scheitern.
Aber das ist schwer. Es ist so viel einfacher, sich an eine eindeutige Liste zu halten, die mir sagt, was ist richtig und was ist falsch.
Und genau das passiert gerade in Deutschland und auf der ganzen Welt. Populisten schreien laut, dass sie ganz genau sagen können, was „richtig“ ist. Und in einer Welt, die so kompliziert und bedrohlich ist, wie unsere heute, ist es der Wunsch nach Orientierung das, was uns alle vereint. Eine Liste, die mir sagt, was gut ist und was schlecht, kann mir diese Orientierung geben. Aber das wahre Leben können diese Listen nicht abbilden. Denn natürlich ist es falsch zu lügen, aber was ist, wenn diese Lüge mich vor einer Gewalttat bewahrt? Natürlich ist es falsch ein Leben zu nehmen, aber was ist, wenn diese Schwangerschaft mein eigenes Leben bedroht? Welches Leben wiegt mehr?
Keine Liste dieser Welt kann alle diese „aber was ist wenn“-Fälle abdecken.
Die Liebe kann das schon. Denn die Liebe schaut auf den Menschen. Die Liebe versucht zu verstehen. Die Liebe weiß, dass „richtig“ und „falsch“ von der Situation abhängt und nicht von vermeintlich eindeutigen Listen. Die Liebe zeigt uns, dass auch Hautfarben, Sitten, Lebensentwürfe, die anders sind als meine, nicht weniger wert sind. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Unterwerft euch nicht einem vermeintlichen „richtig“, dass nur jemand laut genug geschrien hat. Die Liebe soll eure Orientierung sein. Mit ihr liegt ihr immer richtig.
Ihr Pfarrerin Roswitha Schiling







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